EPP Paneldiskussion - Obsoleszenz in der Elektronikfertigung

EPP Talk auf der productronica 2025 in München

Knappe Ressourcen, unterbrochene Lieferketten, abgekündigte Bauteile - das Thema Obsoleszenz ist für viele Unternehmen inzwischen vom Randthema zum Risikofaktor geworden. In einem Expertentalk diskutieren Vertreterinnen und Vertreter aus verschiedenen Bereichen der Elektronikindustrie, wie Unternehmen mit abgekündigten Komponenten umgehen können und warum ein professionelles Obsoleszenzmanagement längst zur strategischen Aufgabe geworden ist. 

Mit auf dem Podium

  • Stefanie Kölbl: Vorstandsmitglied der Component Obsolescence Group Deutschland (COGD) und Director TQ Embedded
  • Holger Krumme: Geschäftsführer HTV Alter Technology
  • Frank Melerra: Leiter Life Cycle Management und Seminare bei EICHLER
  • Johannes Benjamin Schmidt: Head of Sales bei btv technologies

Gemeinsam zeichneten sie ein Bild, das klar macht: Wer Obsoleszenz nur reaktiv behandelt, spielt mit der Zukunftsfähigkeit seines Unternehmens.

Was ist das Grundproblem?

Zu Beginn ordnet Stefanie Kölbl ein: Die Lebensdauer vieler elektronischer Komponenten liegt heute nur noch bei sechs Monaten bis fünf Jahren. Dem gegenüber stehen Systeme, die Jahrzehnte laufen müssen, wie etwa in der Bahn, Luft- und Raumfahrt oder Medizintechnik. 

Laut der Expertin, ist die Aufgabe des Obsoleszenzmanagements, die Kluft zwischen Komponentenlebensdauer und Applikationslebensdauer zu überbrücken und die Auswirkungen von Abkündigungen so gering wie möglich zu halten.

Die Brisanz sei aktuell größer denn je. Hersteller orientieren sich stark an kurzlebigen Consumer- und Servermärkten. Langlebige Industrien fallen damit aus dem Fokus. Genau dort aber sitzen die Unternehmen, die Obsoleszenz am härtesten trifft.

Folgen der Obsoleszenz und Lösungsansätze

Obsoleszenz führt nicht nur zu Produktionsausfällen, sondern auch zu kurzfristigen Zukäufen zu hohen Preisen, Risiken durch unsichere Bezugsquellen sowie zur Bindung wertvoller interner Ressourcen für die Betreuung alter Produkte. Um diesen Risiken zu begegnen, setzen Unternehmen auf Originalitätsprüfungen mittels Verfahren wie beispielsweise Ultraschall, Mikroskopie oder Röntgen sowie auf Langzeitlagerung. Dabei werden Bauteile nach der Abkündigung für zehn bis zwanzig Jahre unter kontrollierten Bedingungen eingelagert, um sie vor Alterungsprozessen wie Oxidation, Diffusionseffekten und Schadstoffen zu schützen.

EICHLER: Obsoleszenz dort erkennen, wo sie wirkt - in der Anlage

Eine besonders praxisnahe Perspektive bringt Frank Melerra in die Runde ein. Während andere Panelteilnehmende viel auf Bauteilebene unterwegs sind, setzt EICHLER direkt in den Produktionsbetrieben an. 

Ein zentrales Problem ist hier, dass sich viele Unternehmen zu sehr auf ihre Instandhaltung verlassen. Das Thema Obsoleszenz werde häufig unterschätzt oder aus finanziellen Gründen „zur Seite geschoben“.

Drei Punkte betont Frank Melerra besonders:

  • Zunächst müssen Unternehmen erkennen, dass Handlungsbedarf besteht
  • Sie brauchen Transparenz: Was ist bereits obsolet? Was läuft in den nächsten Jahren aus? Welche Stückzahlen werden bis zum geplanten Lebensende einer Anlage noch benötigt?
  • Auf dieser Basis kann eine Versorgungsstrategie entwickelt werden: Mit Reparaturen, Ersatzteilkonzepten, Einlagerungen und Partnern, die Baugruppen fachgerecht prüfen und instand setzen.

Proaktiv statt "Feuerwehrmodus"

Das Wort Strategie spielt eine entscheidende Rolle bei der Diskussion. Holger Krumme unterscheidet zwischen drei Ebenen des Umgangs mit Obsoleszenz:

  1. Strategisch: Obsoleszenz schon in der Entwicklung mitdenken - alternative Bestückungsvarianten, freigegebene Zweitquellen, Vermeidung von „Exoten“ bei Bauteilen.
  2. Proaktiv: Frühzeitig reagieren, wenn sich eine Abkündigung abzeichnet - Bedarfe hochrechnen, Last-Time-Buys planen, Lager- und Reparaturkonzepte vorbereiten.
  3. Reaktiv: Der klassische „Brandfall“, wenn eine Abkündigung überraschend kommt und kaum Handlungszeit bleibt.

Frank Melerra bringt es aus Sicht der Anlagenbetreiber auf den Punkt: Vermeiden könne man Obsoleszenz nicht, steuern aber schon und genau darum müsse es gehen.

Ohne Digitalisierung geht es nicht

Digitalisierung ist ein zentrales Thema des Talks. Die Experten sind sich einig: Ohne passende Tools lassen sich tausende PCNs, EOL-Meldungen und Komponentenlisten kaum beherrschen.

Stefanie Kölbl nennt unter anderem:

  • Lebenszyklusdatenbanken wie SiliconExpert, Arius, Z2Data
  • interne ERP-Auswertungen zu Lieferzeiten, Preisen und Auffälligkeiten
  • KI-Werkzeuge, um unstrukturierte Dokumente (teilweise hunderte Seiten, teils nur als Bilddatei) automatisiert auszulesen und zu bewerten

Parallel arbeitet die COGD mit Verbänden wie dem ZVEI an Smart PCN, einem standardisierten Datenformat für Abkündigungs- und Änderungsmitteilungen. Ziel ist es, EOL/ PCN-Informationen so zu strukturieren, dass sie automatisiert in Unternehmensprozesse einfließen können - statt in Excel-Listen, PDF-Chaos und Mail-Postfächern liegen zu bleiben.

Design for Repair

Kreislaufwirtschaft beginnt in der Entwicklung

Im Verlauf des Gesprächs wird auch deutlich: Reparaturfähigkeit ist ein entscheidender Baustein. Frank Melerra beschreibt, wie wichtig es ist, Komponenten und Baugruppen so zu gestalten, dass sie reparabel und prüfbar bleiben. 

Stefanie Kölbl ergänzt, dass immer kleinere Bauformen zwar technisch attraktiv, für Reparaturen aber oft ein Problem sind. Manchmal scheitert eine Instandsetzung an einem winzigen Cent-Bauteil - mit der Folge, dass ganze Baugruppen verschrottet werden müssten.

Hier wird der Bogen zur Kreislaufwirtschaft geschlagen: Längerer Nutzungsdauer, Reparatur statt Austausch und Wiederverwendung von Komponenten sind zentrale Hebel - vorausgesetzt, diese Aspekte werden bereits in der Entwicklungsphase berücksichtigt.

Fazit

Die Paneldiskussion macht deutlich, dass Obsoleszenz längst kein Nischenthema mehr ist, sondern eine Querschnittsaufgabe über Entwicklung, Einkauf, Produktion, Instandhaltung und Management hinweg.

Entscheidend sind eine frühzeitige Strategie, abteilungsübergreifende Zusammenarbeit und der konsequente Einsatz digitaler Werkzeuge. Künstliche Intelligent wird dabei eine immer wichtigere Rolle spielen - nicht als Allheilmittel, sondern als Unterstützung für ein vorausschauendes Obsoleszenzmanagement.

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Über den Autor

Als Werkstudentin im Marketing bei EICHLER ist sie für Übersetzungen und redaktionelle Texte zuständig. Dabei kombiniert sie ihre Leidenschaft für Sprache mit Kreativität und verfasst Magazinbeiträge, die informieren und Freude beim Lesen bereiten. 

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